Der alte Affe Angst und wie du ihn loswirst

“Der Alte Affe Angst” lautet der Titel eines Filmes aus dem Jahre 2003. Inhaltlich hat er mit unserem Thema zwar nur bedingt zu tun. Mir gefällt aber das Bild eines pelzigen Tieres, dass viele Menschen ständig mit sich herumschleppen: Die Angst.

Angst ist laut Wikipedia “Ein Grundgefühl, welches sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äussert.”

Über Angst wird viel geschrieben und diskutiert, aber bereits in der o.g. Definition steckt die Lösung zum persönlichen Umgang mit der Angst.

Angst ist nämlich lediglich ein Gefühl. Und Gefühle sind variabel. Das, was wir fühlen wollen, lässt sich einigermassen gut steuern. Glaubst du nicht? Wie kommt es dann, dass Menschen in denselben Situationen völlig unterschiedliche Gefühle entwickeln?

Hier ein paar Beispiele:

  • Mit 220 hm/h durch ein paar enge Altstadtgassen zu fahren kann möglicherweise Angst beim Autofahrer auslösen. Vermutlich aber nicht bei Michael Schumacher, Sebastian Vettel und all den anderen Formel 1-Piloten in Monaco. Sie empfinden Freude.
  • Ein Teller Spinat löst bei dem einen ein Ekelgefühl aus. Ein anderer bekommt augenblicklich Hunger.
  • Schlagen, Spinnen und Mäuse machen vielen Menschen Angst und lassen diese bei ihrem Erscheinen sofort auf einen Stuhl springen. Andere Menschen finden solche Tiere interessant und geniessen das Gefühl, wenn sie über ihre Haut krabbeln oder schlängeln.

Wo liegt der Unterschied? Warum fühlen die einen Menschen so, die anderen aber völlig anders?

Der Hauptgrund dafür liegt in den unterschiedlichen internalen Repräsentationen, also der Art und Weise, wie wir Dinge interpretieren. Ich habe diesbezüglich im vorigen Absatz bewusst einen Fehler eingebaut:

Schlangen, Spinnen und Mäuse machen keine Angst. Das einzige was sie machen, ist sich durch die Welt bewegen wie es sich für sie gehört. Sie laufen, krabbeln, schlängeln umher, suchen Nahrung, fressen, paaren sich und verbringen halt den Tag auf ihre Weise. Mit anderen Worten: Sie sind einfach nur da.

Wir kümmern sie zumeist nicht besonders und gewiss haben sie nicht den Vorsatz uns zu ängstigen. Dasselbe gilt für den Spinat und die Strassen von Monaco.

Getier, Gemüse und Mauersteine sind also wohl kaum für unsere Gefühle verantwortlich. Verantwortlich dafür sind einzig und allein wir selbst durch die Bedeutung (die Interpretation), die wir einer Sache, Person, oder Situation zuschreiben.

Wir tun dies zum Beispiel häufig durch sog. Referenzerfahrungen. Dabei handelt es sich um Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit in Bezug auf ähnliche Sachen, Personen oder Situationen gemacht haben. Wurdest du als Kind also regelmässig zwangsweise mit Spinat gefüttert, kann es sein, dass du diese negative Erfahrung dein Leben lang dem armen Fuchsschwanzgewächs zuschreibst und es deshalb verabscheust..

Der Spinat hat damals immer gewonnen. Du warst machtlos. Das Gemüse hat dich besiegt. Du hasst es dafür. Und nicht nur den Spinat aus deiner Kindheit, sondern jeden Spinat auf dieser Welt. Sie hast das Vertrauen in Blattgemüse verloren. Jeder Gemüsehändler ist dein Feind und will dir Böses. Du zitterst vor Angst, wenn du auch nur in die Nähe des Grossmarktes kommst. (Alternativ: Du hast beschlossen, jeden Spinat-Gärtner auf dieser Welt zu töten).

Stopp, nun genug mit diesem etwas weit hergeholtem Bild. Aber tatsächlich läuft es genauso. Wir sind frei in unserem Denken. Das ist grossartig! Aber Fluch und Segen liegen nahe beieinander. Manchmal führt uns unsere Gedankenfreiheit nämlich auch in eine für uns hinderliche Richtung und bringt uns somit negative Ergebnisse ein.

Noch ein paar Beispiele aus dem Alltag:

  • Eine Frau ist von ihrem Ehemann misshandelt worden. Sie bildet daraus die Refenzerfahrung “Alle Männer sind Schweine” und kann dadurch nie wieder eine liebevolle Partnerschaft führen.
  • Ein Mann wurde von seinem Geschäftspartner betrogen. Er bildet daraus den Glaubensgrundsatz “Ich bin zu gut für diese Welt” und glaubt, immer ein Opfer sein zu müssen. Er begegnet fortan allen Menschen mit Misstrauen und verpasst damit viele gute Chancen. Tatsächlich wird er auch immer wieder geschäftlich enttäuscht.
  • Ein Kaufmann ist mit seinem Unternehmen insolvent gegangen. Er bewertet das mit “Ich kann einfach nicht mit Geld umgehen.” und begräbt seinen Traum von finanzieller Freiheit für immer.
  • Nach der 27sten erfolglosen “Diät” gibt der Übergewichtige auf und ist überzeugt “Bei mir hilft einfach nix.”

Bei objektiver Betrachtung wirst du wahrscheinlich sagen: Hey, so stimmt das doch alles nicht. Nun ja, deine internalen Repräsentationen sind ja glücklicherweise anders 🙂

Es gibt aber noch eine weitere Tücke: Unser Gehirn kann nicht unterscheiden zwischen real erlebten Situationen und fiktiven. Es nimmt jede Botschaft gierig auf und verarbeitet sie.

So kann es sein, dass du selbst noch niemals einer Schlange in freier Wildbahn begegnet bist. Trotzdem bist du überzeugt davon, dass wenn dir das einmal passiert, du augenblicklich sterben musst. Warum? Na weil du jetzt schon ein paar Mal “Anaconda” gesehen hast. Schlagen fressen Menschen. Weiss man doch. Kommt schliesslich ständig im Fernsehen. Klar, dass du da Angst haben musst.

In der Selbstverteidigung ist es dasselbe Muster: Du hast nun schon mehrfach in der Zeitung gelesen, dass Menschen in der U-Bahn von einer Gruppe Jugendlicher überfallen, ausgeraubt, geschlagen, getreten und dann schwerverletzt liegen gelassen wurden. Folgerichtig ist für dich: Wenn ich mal in eine solche Situation gerate, habe ich keine Chance.

In deinem Ort wurde eine Frau vergewaltigt. Der unbekannte Täter war zwei Meter gross und kräftig. Also ist für dich klar: Wenn ein solcher Typ aufkreuzt, gibt es kein Entrinnen mehr für dich. 2-Meter-Männer sind unbesiegbar. Steht ja schliesslich in der Zeitung.

Verstehst du, wie es läuft? Wir sind ständig einer Unmenge von Informationen ausgesetzt. Diese sind an sich völlig neutral. Welche Bedeutung wir ihnen geben, liegt aber einzig und allein an uns selbst. Dadurch, welche Gedanken wir mit diesen Informationen verbinden, schaffen wir die Grundlage für unsere Gefühle.

Angst ist nichts anderes als ein Gefühl. Du hast es in der Hand, ob du dieses Gefühl fühlen willst oder nicht. Dadurch, dass du entscheidest, welche Interpretation du einer Information zugestehst.

Begreifst du, welche Macht für dich darin steckt? Wenn du deine Gedanken und somit deine Gefühle frei wählen kannst, welche Möglichkeiten kannst du dann haben?

Als Krav Maga Instructor kann ich häufig ziemlich genau erkennen, welche Gedanken Klienten während eines Trainings haben.

Gerade bei der Durchführung realistischer Kampftrainings lässt sich buchstäblich vom Gesicht ablesen, wenn ein Teilnehmer denkt “Shit, dieser Gegner ist zu stark. Ich kann diesen Kampf nicht gewinnen.” (Angst).

Das ist der Moment, in dem der Kampf tatsächlich verloren ist.

Wenn wir doch aber unsere Gedanken frei wählen können, warum sollten wir dann nicht solche wählen, die uns in Bezug auf unser Ziel eher nutzen als uns blockieren?

Das ist Taktik: Zwischen allen verfügbaren Möglichkeiten diejenige auswählen, die dich deinem Ziel näher bringt. Das gilt auch für die Auswahl deiner Gedanken.

Reframing ist möglich

Im Coaching nennen wir diesen Prozess “Reframing”, also den Ereignissen und Erfahrungen einen anderen Rahmen verpassen um damit die Gefühle und den Ausgang der Situation zu steuern.

Das bewusste Spielen mit den eigenen Gedanken ist eine spannende und interessante Angelegenheit, die du jederzeit praktizieren kannst. Wenn du dieses “internal game” regelmässig spielst, wirst du feststellen, wie deine Macht wächst: Du kannst in Bezug auf Personen und Situationen selbst entscheiden, welche Bedeutung du diesen geben und welche Gefühle du damit erzeugen willst.

Wenn du ernsthafter in das Thema einsteigen möchtest, beginne damit ein “Thoughts & Emotion Diary” zu führen. Wenn du dein Gedankenspiel langfristig immer gewinnen willst, musst du Klarheit darüber erlangen, was du in bestimmten Situationen denkst und wie du fühlst.

Anderenfalls wirst du nicht wissen, was genau dich blockiert und du wirst keine Strategie entwickeln können, um diese Blockade zu sprengen. Beginnen damit, schriftlichen Bericht zu führen. Dieser Bericht ist nur für dich. Du kannst also frei schreiben und niemand wird es lesen, wenn du es nicht willst.

Notiere in Bezug auf konkrete Situationen:

  • Hast du bestimmte Gedanken und Gefühle wahrgenommen? Welche waren es?
  • Waren es alte (bekannte) Gedanken und Gefühle? Hattest du sie schon einmal in der Vergangenheit? Hattest du einen Nutzen davon, dass du dich auf diese Gedanken und Gefühle eingelassen hast?
  • Haben dir diese Gedanken und Gefühle damals und heute geholfen, das gewünschte Ergebnis zu erzielen?
  • Falls nicht: Welche Gedanken und Gefühle wären nützlicher für dich gewesen?

Gedanken und Gefühle sind nicht grundsätzlich gut oder schlecht. Sie wirken sich eben nur positiv oder negativ auf unser Ergebnis aus, indem sie uns entweder unterstützen oder uns blockieren.

Zu wissen, welche Gedanken dich unterstützen und welche dir schaden, ist wichtige Grundlage für deinen Erfolg. Auch für den erfolgreichen Umgang mit deinen Gefühlen. Auch für deinen Umgang mit Angst. Auch für dein Überleben.

2017-05-15T08:04:45+00:00 By |

About the Author:

Chris Schmidt – Tactical Trainer & Coach | Krav Maga Supervisor | Pepper | Freedom Fighter – As a tactical trainer and coach I’ve been working with people and organizations for over 20 years. Starting my career in the military and law enforcement sector, I quickly discovered my true passion. Empowering people is what I’m here for. Find me in the Zone. YCF! Zone

5 Comments

  1. Wolfgang 8. März 2011 at 14:03 - Reply

    Hallo Chris. Das mit der Angst in manchen Situationen stimmt schon, jedoch hast du recht, man sollte dahin kommen, seine Ängste zu kennen, da sie wahrscheinlich nichts positives meistens bringen, besser man kontrolliert sie und kann sich z.B. beim Kampf richtig verhalten und besser verteidigen. Kenne das aus Erfahrung. Gruss Wolfgang Freue mich auf dieses neue Buch von dir.

  2. Karsten 9. März 2011 at 16:57 - Reply

    Hallo Chris. Das ist ein essentielles Thema. Gut, dass Du darübr schreibst. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass sich nicht jede Angst erzeugende Bedingung „so einfach“ reframen läßt. Dann können nur andere (psychologische) Mittel/Techniken helfen wie z.B. EFT von Gary Craig.
    LG, Karsten

  3. Chris YCF! 9. März 2011 at 23:45 - Reply

    @Karsten: Ja, ich hörte davon. Grundsätzlich gilt natürlich, je krankhafter die Dimension der Angst ist, desto mehr ist es Fall für den Therapeuten und weniger für den Coach.

  4. Silberklar.de 28. März 2013 at 11:04 - Reply

    Irgendwo las ich mal:“ Die wahre Freiheit des Menschen liegt in der Ausrichtung seines Bewußtseins …“ und dementsprechend, was wir für Gefühle empfinden.

    • Chris Schmidt 28. März 2013 at 11:57 - Reply

      Da hast du aber die richtige Literatur ausgewählt. Bleibe auf dieser Spur…

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