Ein sicherer Ort – Gedanken zu Berlin

  • Weihnachtsmarkt Berlin Eigensicherung

#Breitscheidplatz

Anlässlich des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt in Berlin ist es. mir heute ein persönliches Anliegen, meine Gedanken mit dir zu teilen.

Der Anschlag von Berlin berührt heute unsere Herzen und unser Mitgefühl geht an all die Opfer und ihre Angehörigen.

Und wo wir auch hinhören, die Reaktionen ähneln denen bei früheren Anschlägen, ob in Nizza, Paris, München und so vielen anderen Orten. „Angst – ich habe jetzt Angst“ oder „ein mulmiges Gefühl“

Die Frage stellt sich, „wo bin ich (noch) sicher?. Darf „man“ überhaupt noch auf Weihnachtsmärkte gehen? Auf Konzerte? Auf Straßenfeste? Wo ist ein sicherer Ort? Sollte „man“ nicht ganz zu Hause bleiben dieser Tage? Wird unsere Welt immer unsicherer?

Diese Fragen bleiben häufig unbeantwortet und werden begleitet von einem Gefühl der Hilflosigkeit, „ich kann nichts tun“, „wenn es dich trifft, dann trifft es dich“.

Ja, mir geht der Anschlag von Berlin nahe. Auch bei mir gehen die Gedanken zu unserem erst wenige Tage zurückliegenden Weihnachtsmarktbesuch in Köln mit den YCF Trainierenden.

Und zu meinem Aufenthalt in Berlin am Wochenende davor. Und zu meinem Besuch in München am Tag des Amoklaufs. Und zu meinem Urlaub in Nizza in 2015. Auch ich überprüfe bei solchen Ereignissen mein Leben und stelle mir entsprechende Fragen, was würde ich tun?

Haben diese Ereignisse einen Impact auf mein Leben? Sollte ich etwas verändern in meinem Leben? Tue ich alles für meine Sicherheit und die Sicherheit meiner Lieben?

Eine schnelle Antwort auf den gestrigen Anschlag ist häufig, „Ich geh nicht mehr auf Weihnachtsmärkte!“. Don´t be there. Ein legitimes Prinzip im Krav Maga. Dort wo etwas passiert, sollte ich nicht sein.

Dann kann es mich nicht treffen. Wer diese Antwort für sich wählt, geht in Bezug auf Anschläge auf dem Weihnachtsmarkt auf Nummer sicher.

Ähnliches kann man dann auch wählen für Straßenfeste, Konzerte und auch Kirchenbesuche (wer es verpasst hat, auch dort fand dieses Jahr ein Anschlag statt). Diese Methode lässt sich beliebig ausweiten und ergänzen.

Wo uns dies hinführt?

Gehen wir die Angelegenheit unserer persönlichen Sicherheit einmal anders an. Schauen wir uns eine andere alltägliche und allen vertraute Bedrohungslage an. Den Straßenverkehr. 3459 Menschen sind 2015 im Straßenverkehr tödlich verunglückt.

Teils selbst verschuldet durch eigenes Fehlverhalten, teils fremd verschuldet durch unaufmerksame oder betrunkene oder überforderte Teilnehmer, teils unbeabsichtigt, teils vorsätzlich durch Amokfahrer. Wenn wir uns diese Zahl der Verkehrstoten ansehen, 3459 Tote, versteht sicherlich jeder, dass die Teilnahme am Straßenverkehr definitiv eine gewisse Todesgefahr beinhaltet.

Wenn ich nun einen Verkehrsunfall beobachte, vielleicht vor meiner Haustür. So geschehen tatsächlich im vergangenen Jahr. Ein rüstiger Rentner überquerte bei (Fußgänger-)grün die Ampel, ein Kleinlaster bog links ab und übersah den älteren Herrn.

Es kam zum Zusammenstoß und zum Versterben des Fußgängers. Unmittelbar vor meiner Wohnungstür. Sehr erschütternd. Und leider doch alltäglich, wenn wir die Zahlen betrachten.

Eine Möglichkeit wäre nun für mich, suchte ich nach der höchsten Sicherheit für meine Person, zu entscheiden, nicht mehr am Straßenverkehr teilzunehmen. Don´t be there. Nicht mehr als Autofahrer, nicht mehr als Radfahrer, nicht mehr als Fußgänger.

Ich könnte aus der Großstadt aufs Land ziehen, mir alles Überlebenswichtige anliefern lassen, einen Homeofficejob annehmen und das Verlassen meines Hauses möglichst meiden, bzw. nur Orte aufsuchen, an denen Fahrzeuge nicht gestattet sind.

Hätte ich so mein Risiko minimiert, ein Teil der Verkehrstotenstatistik zu werden? Vermutlich schon.

Natürlich könnte noch ein Verkehrsflugzeug über meinem Haus abstürzen, doch grundsätzlich können wir hier sicherlich von einer deutlichen Verringerung des Risikos sprechen.

Don´t be there ist immer eines der sichersten Konzepte im Krav Maga und wird entsprechend auch gerne gelehrt.

Nun sehen wir aber tatsächlich nur wenige Menschen aufs Land ziehen (eher das Gegenteil ist wohl der Fall und die Stadt lockt immer mehr Menschen an), so dass davon auszugehen ist, dass – obwohl die Gefahr des Straßenverkehrtodes hier besonders hoch ist – das Konzept des Gefahrenausweichens nicht unbedingt immer in das Leben von Menschen passt.

Warum dies so ist? Vermutlich, weil mit dem Gedanken der Gefahrenvermeidung auch immer eine Abwägung unserer Werte einhergeht.

Und wie immer in der Selbstverteidigung sollte diese Werteabwägung, was ist mir wirklich wichtig im Leben, an erster Stelle stehen. Bevor ich bewusst oder unbewusst meine Handlungen einleite.

Meine Werte. Wir sprechen über den Wert des eigenen Lebens und der persönlichen Sicherheit, vielleicht auch der Sicherheit unseres Partners oder unserer Kinder. Und wir sprechen über den Wert unserer Freiheit.

Im Beispiel Straßenverkehr über unsere Bewegungsfreiheit. In Bezug auf Terror auch oft über unserer Meinungsfreiheit.

Es scheint, dass es in Bezug auf Selbstverteidigung insbesondere um die Abwägung dieser beiden fundamentalen Werte geht. Wie frei will ich sein?

Frei, dahin zu gehen, wohin es mich zieht. Auf den Weihnachtsmarkt? In die Disco? Auf das Straßenfest? In den Strandurlaub nach Tunesien? Frei sein, meine Wege selbst zu bestimmen.

Nachts allein durch den dunklen Park den kürzesten Weg? Oder lieber den längeren Weg gut beleuchtet? Oder lieber gar nicht allein zu Fuß und lieber mit dem Taxi?

Viele von uns stellen sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten diese essentiellen Fragen. Wie gestalte ich mein Leben sicher? Kann ich noch nach Ägypten in den Urlaub fliegen? Nach Nizza? Nach Paris? Nach Berlin? Und wir beginnen mit einer Abwägung, Sicherheit versus Bewegungsfreiheit.

Darf ich in den sozialen Netzwerken noch frei meine Meinung sagen, die vielleicht konträr ist zum Mainstream? Sicherheit versus Meinungsfreiheit.

Wie also stehst du nun zum Thema Weihnachtsmarkt? Welche Entscheidungen triffst du hier? Wichtig ist zu verstehen, dass niemand anderes als du selbst, deine persönliche Werteabwägung vornehmen kannst.

Du möchtest Sicherheit? Wie weit bist du dafür bereit zu gehen? Was bist du bereit dafür aufzugeben? Sicherheit versus Freiheit. Wie ist deine Entscheidung.

Auch wir von YOU CAN FIGHT! standen vor dieser Frage. Nicht heute, sondern bereits vor zwei Jahren. Schon damals wurde die Gefahrenlage für die Weihnachtsmärkte in Deutschland als erhöht eingeschätzt.

Sicherheit versus Freiheit. Und die Entscheidung, feiern wir mit unseren Trainierenden in Köln auf dem Weihnachtsmarkt?

Kommen wir zurück zum Straßenverkehr. Viele Menschen entscheiden sich Tag für Tag, am Straßenverkehr teilzunehmen. Sie fahren mit der Straßenbahn zur Arbeit oder mit dem Auto, unsere Kinder gehen zu ihrer Schule, überqueren Straßen, Zebrastreifen, Ampeln.

Und meistens funktioniert dies gut. Sehr gut sogar. Woran liegt das? Das trotz erkennbarer Gefahren unsere Teilnahme meist gut funktioniert?

Weil wir es gelernt haben. Unsere Kinder werden an ihren Schulweg herangeführt. Schritt für Schritt. Beginnend schon im Kindergartenalter. Da ist eine rote Ampel. Was musst du tun. Warten. Sehr gut. Und darauf bauen wir auf. Irgendwann wird dann der Fahrradsicherheitspass in der Grundschule gemacht und dann fährt das Kind zum ersten Mal alleine Bus.

Noch hin begleitet zur Bushaltestelle, gut eingestiegen und abgeholt von Oma und Opa beim Ausstieg. Und wieder ein Meilenstein bewältigt. Und so setzt sich dies fort. Schritt für Schritt. Stück für Stück. Wir trainieren uns in Gefahrensituationen.

Wir setzen uns gedanklich damit auseinander. Wir diskutieren sie und die Bewältigung wird Teil von uns. Wir werden kompetent.

Und wir treffen Entscheidungen. Für ein besonderes sicheres Auto oder ein besonders günstiges. Für ein Fahrsicherheitstraining oder dagegen. Für die rechte Stauspur oder die linke. Für die Fahrt auf der Autobahn oder auf der Landstraße.

Und jede dieser Entscheidungen beeinflusst unsere Sicherheit. Wir nehmen also aktiv Einfluss auf unser Leben und unsere Sicherheit.

Manch einer tut dies bewusst und achtet beim Kauf des Fahrzeugs auf spezielle Sicherheitsvorkehrungen oder beim Motorradhelm auf die Einhaltung bestimmter Normen oder bei der Wahl der Route auf die Verkehrsdichte. Und verringert damit sein Verletzungsrisiko trotz seiner Teilnahme am Straßenverkehr.

Und der Weihnachtsmarkt? Ein öffentlicher Ort mit nach derzeitigem Stand einer erhöhten Gefahrenlage. Wie gehst du hier vor? Triffst du hier Entscheidungen? Freiheit versus Sicherheit?

Unsere Entscheidung in Köln fiel auf einen kleineren Markt, der selten überfüllt ist mit Menschen. Ein Markt, der mit dem Auto / LKW nicht unmittelbar erreichbar wäre. Ein Glühweinstand am Rande mit guten Fluchtmöglichkeiten. Nicht in der Masse. Überschaubar. Freiheit versus Sicherheit.

Ja, wir haben uns die Freiheit genommen, den Weihnachtsmarkt zu besuchen und wir haben darauf geachtet, den Ort auszusuchen, der aus taktischer Sicht die beste Sicherheit bietet. Freiheit und Sicherheit – in unserem heutigen Leben oftmals ein Kompromiss. Im besten Fall eine sehr bewusste Entscheidung.

Als Kravist geht es mir weniger darum, Dinge nicht mehr zu tun oder Orte nicht mehr zu besuchen, sondern vielmehr meine Aktivitäten so sicher wie möglich zu gestalten. Es geht nicht darum, ob ich Silvester auf der Domplatte in Köln feiern darf. Es geht vielmehr darum, dass, wenn ich dies tun möchte, ich entsprechende Entscheidungen und Maßnahmen für meine Sicherheit bewusst getroffen habe.

Dass ich Konzepte der Selbstverteidigung kenne. Wo halte ich mich auf? Wann verlasse ich spätestens den Ort? Wie komme ich nach Hause? Wer begleitet mich? Wann sind meine persönlichen Grenzen überschritten?

Welche Techniken kann ich einsetzen, um mich zu verteidigen? Was kann ich vorher tun, planen, mitnehmen, um meinen Aufenthalt und meinen Rückweg so sicher wie möglich zu gestalten. Selbstverteidigung hat viel mit bewusstem Handeln zu tun.

Und wenig mit Einschränkungen. Wir können noch immer Weihnachtsmärkte besuchen. Und wir können weiterhin am Leben teilhaben.

So wie wir auch am Straßenverkehr weiterhin teilnehmen. Und genauso gut dürfen wir für uns die Entscheidung treffen, Orte nicht mehr aufzusuchen.

Don´t be there.

Nach wie vor eines der sichersten Konzepte im Krav Maga.

Ich wünsche allen friedliche Weihnachtstage.

2017-04-08T19:01:04+00:00By |

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