Bist du ein Survivor? Wie reagierst du bei einem Überfall? In einem Katastrophenfall?

In Katastrophen, seien es Brände in Diskotheken, Anschläge in Bahnhöfen oder Überfälle gibt es stets die Menschen, die ein Überlebensmindset haben und intuitiv alles richtig machen und die Personen, die kopflos in Panik geraten und ins Verderben rennen.

Es gibt tatsächlich eine Auswahl an Menschen, die in derselben Bedrohungslage in größerer Gefahr ist, zu sterben, als andere. Der Unterschied, der die einen überleben lässt und die anderen sterben, ist tief verankert in unseren Gehirnen.

Psychologische Untersuchungen von unzähligen Katastrophen und deren Überlebenden führten zuletzt zur 10-80-10 Theorie.

Die 10-80-10 Regel besagt, dass in einer akuten Krise, einem Katastrophenfall, einem Überfall, 10 Prozent der Betroffenen Führungseigenschaften zeigen. Sie bleiben relativ ruhig, haben einen Plan, werden aktiv und handeln richtig. Sie können die Situation klar analysieren und fällen fokussiert Entscheidungen.

Diese ersten 10 Prozent können ihre Emotionen kontrollieren, so dass sie Prioritäten setzen und selbst jetzt noch Probleme lösen können. Diese Überlebenden lassen sich nicht vom Stress überfluten und spalten ihre Emotionen von der Situation ab. Selbst unter größtem Stress wirken sie ruhig. Sie sind die wahren Überlebenskünstler.

80 Prozent der Menschen hingegen sind anfangs schockiert und gehemmt und warten auf jemanden, der ihnen sagt, was zu tun ist. Dann verfallen sie in automatische Muster und tun das, was sie immer machen würden. Je mehr der Stress steigt, um so lethargischer und überforderter verhalten sie sich. Ihr Denken und Verstand ist zunehmend blockiert, so dass nur noch automatisches, reflexives Verhalten abgerufen werden kann.

Sie sind kaum mehr in der Lage, Außenreize wahrzunehmen und zu verarbeiten. Sie fühlen sich krank, haben einen Tunnelblick, viele verlieren zunehmend die Fähigkeit, ihre Umgebung wahrzunehmen.

Die übrigen 10 Prozent der Personen tun genau das Gegenteil von dem, was sinnvoll wäre. Sie reagieren panisch, hysterisch und sind nicht zu kontrollieren. Ihre Chance, die Krise zu überleben, ist gering.

„Von 100 Männern sollten 10 gar nicht da sein,
 80 sind nur Zielscheiben,
 9 sind echte Kämpfer, und wir haben großes Glück,
sie auf unserer Seite zu wissen,
 weil sie es sind, die die Schlacht austragen. 
Nur einer aber,
 ach, nur einer, ist ein Krieger,
 und er ist es, der die anderen sicher nach Hause bringt.“
– Heraklit

Warum manche Menschen in Krisen zu Führern werden und andere komplett versagen, ist wissenschaftlich nicht endgültig geklärt. Sicherlich greifen hier genetische Faktoren, ebenso wie Persönlichkeitseigenschaften, aber auch unsere subjektive Einschätzung der Gefahr.

Um eine Katastrophe zu überleben, benötige ich sowohl die Tools, als auch das Wissen, wie ich mit dem Problem umgehen kann. Ich muss in der Lage sein, die Führung zu übernehmen und Zugriff auf mein Wissen haben, selbst wenn die Lage völlig unübersichtlich und chaotisch ist.

Was passiert, wenn ein Mensch in Stress gerät? Und ist eine Stressreaktion immer schädlich?

Stress ist ein Überlebensprogramm unseres Körpers und evolutionär für die Bewältigung kurzfristiger Gefahren gedacht. Die Stresssysteme unterstützen Verhaltensoptionen in Notfallsituationen: Kampf, Flucht, Verstecken oder Totstellen („Fight, Flight, Freezing“).

Durch das alarmierende Ereignis werden dem Gehirn über verschiedene Wahrnehmungskanäle Signale gegeben, dass nun ein deutlich erhöhtes Leistungspotenzial benötigt wird, um die Gefahrenlage zu bewältigen.

In höchster Alarmbereitschaft laufen im Körper unterschiedliche biochemische Prozesse ab. Der Sympathikus wird aktiviert, die Blutgefäße verengen sich, der Puls steigt, die Pupillen erweitern sich ebenso wie die Bronchien, wohingegen der Magen-Darm-Trakt seine Tätigkeit verlangsamt.

Die Zentralisierung der Durchblutung und die Erhöhung der Blutgerinnung schützen vor Blutverlust. Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet. Wir sind nun zum Kampf oder zur Flucht bereit und momentan zu absoluten Höchstleistungen fähig.

Auch unser Gehirn reagiert entsprechend dem Stresslevel. So steigert Stress zunächst die Denkfähigkeit und begünstigt sogar die Gedächtnisbildung für das stressauslösende Ereignis, so dass uns im Wiederholungsfall hilfreiche Strategien zur Bewältigung zur Verfügung stehen.

Dies gelingt jedoch nur bis zu einem bestimmten, individuell unterschiedlichen Stresspegel. Dann kommt der Punkt, da wird der Stress zu viel und die Denkfähigkeit nimmt ab. Menschen sind nun regelrecht gelähmt und überfordert.

Wenn die Stresslage hoch und die Lage für uns völlig neu ist, fehlen uns die Bewältigungsstrategien und es kommt bei vielen Menschen schnell zu unkontrollierten Stressreaktionen. Aus Angst wird Verzweiflung, Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Wenn wir eine ähnliche Lage hingegen bereits einmal bewältigt haben, wir hierfür also bereits Strategien zur Verfügung haben und das Vertrauen, die Situation unbeschadet überstehen zu können, erleben wir die Gefahr als kontrollierbar und uns selbst als handlungsfähig.

Der Stresspegel steigt in diesem Fall nicht erneut auf das gleiche hohe Level, die fatale Stressüberflutung setzt später ein.

Wie können wir unsere Überlebenschancen in Krisensituationen steigern?

Letztlich können wir nicht für alles einen Plan haben, doch was wir tun können, ist lernen, mit Stress umzugehen. Im Stress zu handeln. Untersuchungen zeigen, dass wir bis zu einem gewissen Grad lernen können, unsere Stresstoleranz zu erhöhen und somit im Stress länger handlungsfähig zu bleiben.

Was uns hier hilft, ist Training, Training, Training, – denke nur an alle die Rettungsdienste da draußen, da sind nicht nur die oberen 10 Prozent unterwegs.

Auch geht es nicht allein darum, für genau die entsprechende Katastrophensituation ein Repertoire zur Verfügung zu haben, auf das wir automatisch zugreifen können, sondern insbesondere darum, dass unser Gehirn überhaupt lernt, auch mit höherem Stresspegel zu funktionieren, bzw. den Stress nicht so schnell ansteigen zu lassen.

Indem wir uns – wie beispielsweise im Krav Maga Training üblich – immer wieder darauf trainieren, in unübersichtlichen Situationen zu handeln, in jedem Falle etwas zu tun und nicht zu erstarren, indem bestimmte Bewegungsabläufe immer automatischer werden und auch die Fluchtreaktion immer natürlicher und selbstverständlicher abläuft, gewöhnen wir Gehirn und Körper sukzessive an einen effektiven Umgang mit Gefahrenlagen.

Ob du nun bereits zu den oberen 10 Prozent gehörst oder aus dem Kreis der 80 Prozent aufsteigen willst, Überleben lässt sich lernen. Es liegt an dir.