(Auszug aus dem Buch FURCHTLOS – Taktische Selbstverteidigung für Frauen von Chris Schmidt)

Neben der Angst, selbst körperlichen Schaden zu nehmen, hat der Täter in der Regel noch eine weitere: Die Angst, erwischt zu werden. ER will keine Zeugen.

„Wenn du schreist, bringe ich dich um!“ könnte einer seiner ersten Sätze an dich sein. Er sagt dir also ganz genau, was seinen Plan ruinieren würde.

Ruiniere ihn. Stifte Unruhe. Mache Lärm. Schrei. Wirf Gegenstände. Drücke die Hupe deines Fahrzeugs. Lenke die Aufmerksamkeit auf dich und deine Situation.

Von einigen Experten werden in diesem Zusammenhang auch akustische Signalgeber (Krachmacher) empfohlen. Es handelt sich dabei in der Regel um batteriebetriebene Geräte, bei denen eine schrille Sirene mittels einer Reissleine aktiviert werden kann. Sie werden auch unter der Bezeichnung „Taschenalarm“ verkauft.

In dieselbe Kategorie fallen Trillerpfeifen, die im englischen Sprachraum als „rape whistles“ angeboten werden. Wenn du dem häufig erteilten Rat Glauben schenken willst, besser „Feuer“ als „Hilfe“ zu rufen, dann tue dies.

Auch zu lautem Singen wird mitunter geraten. Am besten „Einigkeit und Recht und Freiheit“ falls du den Text kannst. Tue, was immer du für sinnvoll erachtest, aber erwarte eines nicht: Fremde Hilfe.

Willst du um dein Leben zocken?

Die allgemeine Vorstellung hinsichtlich dieser Lärm-Konzepte beruht auf der Idee, dass irgendeine externe Kraft in das Geschehen eingreifen wird. Dass irgendwer kommt um dir zu helfen. Dass Irgendjemand sein Leben aufs Spiel setzt, um das deinige zu retten. Dem zugrunde liegt das Prinzip „Hoffnung“.

Seit Jahrzehnten gibt es unzählige Experimente zum Thema „Zivilcourage“. Die Ergebnisse sprechen ausnahmslos eine deutliche Sprache: In einer Gewaltsituation hast du keine nennenswerte aktive Hilfe von deinen Mitmenschen zu erwarten.

Urteile selbst einmal ehrlich aus dem Bauch heraus: Glaubst du daran, dass dir irgendwer rasch zu Hilfe eilen wird, wenn du eine Trillerpfeife bläst oder einen Taschenalarm auslöst?

Und ebenso ehrlich: Was tust du selbst, wenn du eine Alarmanlage oder eine Trillerpfeife hörst? Meldest du dies der Polizei? Gehst du der Ursache aktiv auf den Grund? Bereitest du dich auf die mögliche Bekämpfung eines Straftäters vor?

„Zivilcourage“ mag ein prima politisches Schlagwort sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass fremde Menschen aktiv für dich in die Schlacht ziehen, ist hingegen aus verschiedenen – teilweise gut nachvollziehbaren – Gründen, äusserst gering.

Bitte treffe deshalb noch heute eine klare Entscheidung darüber, ob du dein Überleben dem Hoffnungs-Prinzip anvertrauen möchtest.

Hierzu noch ein paar Entscheidungshilfen.

Wenn du auf Hoffnung setzt, pokerst du gewissermassen um dein Leben. Du gewinnst das Spiel…

  • … wenn du tatsächlich schnell in der Lage bist, ausreichend laut zu schreien (ggf. mehrfach) oder deinen Taschenalarm / deine Trillerpfeife schnell genug zur Hand hast
  • … wenn du dann tatsächlich von jemandem gehört wirst
  • … wenn dieser Jemand tatsächlich aktiv in Bewegung kommt und dem Geräusch nachgeht
  • … wenn er/sie willens und in der Lage ist, sich aktiv für dich einzusetzen und dich aus der Bedrohungssituation heraus zu holen
  • … wenn er/sie alternativ die Initiative ergreift um weitere externe Hilfe (z.B. Polizei) anzufordern
  • … wenn dann diese weitere externe Hilfe wiederum zeitgerecht eintrifft

Eine ganze Menge „wenns“ in dieser Partie. Und alle liegen ausserhalb deiner Kontrolle. Die Wetten stehen somit nicht allzu gut für dich.

Das Prinzip „Hoffnung“ zur Selbstverteidigung einzusetzen ist daher ein ausgesprochen riskanter Zock.

Dennoch kann es durchaus Sinn machen, Lärm als taktisches Instrument einzusetzen. Du kannst dich sich zwar nicht darauf verlassen, dass dir irgendwer zu Hilfe kommt, aber darum geht es auch nicht.

Es geht darum, Druck auf den Täter auszuüben und seine Angst zu steigern, dass er entdeckt werden könnte. Möglicherweise hat er den „Feuer-Trick“ auch schon mal gehört und hat in seinem Kopf das Bild, dass nun gleich ein paar Leute mit einem Eimer Wasser angelaufen kommen.

Dies kann ihn im Einzelfall dazu bringen, die Tat abzubrechen, weil er das Entdeckungsrisiko als zu hoch empfindet.

Verlasse dich aber auch darauf nicht. Es gilt weiterhin: In den Täter kannst du nicht hineinsehen.

Konzentriere dich deshalb weiterhin auf die Massnahmen, die deiner persönlichen Kontrolle unterliegen: Kampf und Flucht.