Zivilcourage: „Hinsehen, Handeln, Helfen!“ so lautet die gesellschaftliche Forderung an jeden Einzelnen von uns.

Dass die Sache aber so einfach nicht ist, mussten gerade eben wieder zwei junge Kampfsportler in der Kölner Innenstadt erfahren. Sie griffen ein, als sie Unrecht erkannten und wurden dabei selbst lebensgefährlich verletzt.

Hier der im Rahmen der polizeilichen Öffentlichkeitsfahndung mitgeteilte Sachverhalt:

Nach dem Ergebnis der vorliegenden Ermittlungen und Auswertungen von Zeugenaussagen wurden zunächst vier Teenager (17,18,18,18) von den beiden bisher unbekannten Tatverdächtigen angegriffen, um diese zu berauben. Dabei wurden die Jugendlichen durch Faustschläge verletzt. Zwei zufällig vorbeikommende junge Männer (24) wurden auf das Raubgeschehen aufmerksam und schalteten sich ein, um den Jugendlichen zu helfen.

Die beiden Täter wandten sich sofort den beiden Helfern zu und attackierten auch sie mit Faustschlägen und Tritten. Die in der Kunst der Selbstverteidigung geschulten Männer wehrten die Angriffe ab, brachten einen der Angreifer zu Boden und hielten ihn dort fest, woraufhin der Zweite ein Messer zog und mehrfach auf die beiden Eingreifenden einstach. Die Täter konnten sich nach der Messerattacke befreien und flüchteten in Richtung Rudolfplatz/Neumarkt. Beide Helfer wurde erheblich verletzt, einer von ihnen lebensbedrohlich. Zwischenzeitlich ist der 24-Jährige jedoch außer Lebensgefahr.

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Quelle: Kölner Stadtanzeiger 

Der Fall weckt Erinnerungen an den des 50jährigen Dominik Brunner, der am 12. September 2009 nach einer Auseinandersetzung mit mehreren jugendlichen Tätern auf einem Münchner Bahnhof zu Tode kam. Verständlich, das vielen Menschen verunsichert sind, ob und was sie im Falle einer beobachteten Gewaltstraftat tun sollen.

Hier einige Praxistipps für Zivilisten. Sie verfolgen das taktische Ziel der eigenen Unversehrtheit.

  • Genau wie bei einem nächtlichen Einbruch in dein Wohnhaus gilt: Vermeide den direkten Täterkontakt. Bleibe auf Abstand; sorge ggf. für räumliche Hindernisse zwischen dir und dem Täter. Du kannst niemals wissen, welches Motiv und welche Absichten der Täter hat; wie weit er bereit ist zu gehen.
  • Zwar hast du die gesetzliche Pflicht zur Hilfeleistung bei Unglücksfällen oder „gemeiner Gefahr“. Allerdings nur dann, wenn dies ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist. (§ 323c StGB).
  • Niemand kann also von dir verlangen, dein eigenes Leben auf’s Spiel zu setzen um möglicherweise ein anderes zu retten. Als Nichtschwimmer ist es dir daher nicht zuzumuten, den Ertrinkenden aus den Stromschnellen zu ziehen. Ebenso wenig bist du als Zivilist verpflichtet, dich möglichen Gewalttätern in den Weg zu stellen.
  • Allerdings gibt es in den meisten Fällen andere Massnahmen, die dir durchaus zumutbar sind. So kannst du, falls vorhanden, dem Gekenterten einen Rettungsring zuwerfen. Oder- und das wird regelmässig möglich sein – externe professionelle Hilfe herbeirufen.

Niemand verpflichtet dich also, dich mit einem potenziellen Gewalttäter in eine Konfrontation zu begeben. Wenn du es dennoch freiwillig tust, solltest du dabei die folgenden Ratschläge beachten.

  • Lege vor deinem Einschreiten ganz genau dein Ziel fest. Was willst du erreichen? Wie und wovor willst du das Opfer schützen? Wann ist dein Ziel erreicht? Was genau musst du dafür tun? Gehe nicht ohne konkreten Plan in deinen Einsatz.
  • Mache dir bewusst: In dem Moment, in dem du einschreitest, durchkreuzt du den ursprünglichen Plan des Täters und veränderst seinen Fokus. Er hat jetzt ein neues Ziel. Und das bist du.
  • Hat der Täter Gewalt angekündigt oder bereits angewendet, ist nicht unbedingt zu erwarten, dass er allein durch dein Auftreten einen anderen Weg einschlägt. Gutes Zureden („Runterquatschen“) ist erfahrungsgemäss kaum möglich. Verlasse dich daher nicht auf diese Taktik.
  • Rechne vielmehr damit, dass der Täter nunmehr jederzeit und ohne Vorwarnung gegen dich vorgehen wird. Sein Ziel wird es sein, dich als Hindernis zu beseitigen und die ihm drohende Strafverfolgung zu verhindern.
  • Rechnen ebenfalls stets mit Waffeneinsatz durch den Täter.
  • Reaktive Selbstverteidigung ist tendenziell chancenlos. Wenn du erst abwarten willst, bis der Täter nach dir schlägt oder eine Waffe gegen dich einsetzt, um dich dann zu verteidigen, ziehst du regelmässig den Kürzeren.
  • Deine einzige reelle Chance besteht im überraschenden und konsequenten Vorgehen gegen den Täter mit dem Ziel eine weitere Gefährdung des Opfers sofort zu beseitigen. Hierzu muss der Täter entschlossen bekämpft und das Opfer schnellstmöglich in Sicherheit gebracht werden.
  • Ja, das Bild, welches du jetzt im Kopf hast, passt genau: Dein Vorgehen muss in etwa dem eines schnellen polizeilichen Zugriffs entsprechen, damit der Täter keine weitere Chance zur Gegenwehr hat. Alles andere bringt dich in ernste Gefahr.
  • Traust du dir das zu? Falls nicht, lasse es. Mache keine halben Sachen. Du darfst dich nicht in eine aktive Auseinandersetzung im Sinne eines Zweikampfes begeben. Hier herrscht akute Lebensgefahr für dich.

Für einen solchen Zugriff auf den Täter benötigest du solide Kenntnisse der taktischen Selbstverteidigung und Eigensicherung (nicht Kampfsport!). Vergiss dabei alles, was du im Fernsehen oder in der Judo-Stunde gesehen habe. Keine Zaubergriffe, keine Armhebel und auch kein Niederringen und Festhalten des Täters am Boden.

Ferner gilt für alle Zugriffseinheiten mindestens die 2:1 Regel. Das bedeutet: Für einen Täter braucht es mindestens zwei Zugriffskräfte. Diese müssen aufeinander abgestimmt agieren und übernehmen im Rahmen des Zugriffs bestimmte Aufgaben. Kein Polizeibeamter würde versuchen, eine solche Massnahme allein durchführen zu wollen. Hast du entsprechende Mitstreiter?

Die Grundlagen für ein solches Eingreifen kannst du grundsätzlich auch als Zivilist in speziellen taktischen Trainings (3rd party protection) erlernen. Bis dahin solltest du gut abwägen, ob du eine Intervention ohne eigene Gefährdung überstehst. Denke daran: Du hast vermutlich nur dieses eine Leben. Schütze es gut.

Tote Helden nützen niemandem.

Übrigens, auch Profis machen vor jeder Massnahme erst einmal Meldung. Greife also im Falle einer beobachteten Straftat immer zuerst zum Telefon.

  • Wähle 110 und halte die Verbindung.
  • Sprich weitere Massnahmen ggf. mit der polizeilichen Leitstelle ab.
  • Bewahre Ruhe und beobachte so viel wie möglich.
  • Gib klare Informationen über den Sachverhalt und den oder die Täter (Aussehen, Fluchtrichtung etc.).
  • Stelle dich im Anschluss an die polizeilichen Massnahmen als Zeuge zur Verfügung.

Auch all das ist Zivilcourage.