Es ist dieser eine Moment. Der Moment, in dem die Gewalt in dein Leben tritt. Überraschend und brutal. Unvorstellbar und grausam. In diesem Moment spielt es keine Rolle, ob du ein so genannter Flüchtling bist, ein Oberstufenschüler, ein Polizist oder ein Fahrgast in der U-Bahn.

Wenn du auf jenen Moment nicht ausreichend vorbereitet bist, werden dir entscheidende Sekunden oder Sekundenbruchteile fehlen. Es sind diese minimalen Zeitspannen, die über Leben und Tod entscheiden werden.

Tatsächlich ist Zeit, beziehungsweise Zeitwahrnehmung ein wichtiges Thema im Rahmen der taktischen Selbstverteidigung. Während des Krav Maga Trainings muss der Kravist sich damit auseinandersetzen. Instructoren haben hier die Aufgabe, entsprechende Trainingmassnahmen anzubieten.

Nur so kann gewährleistet werden, dass der Kravist auf die in einer Gewaltlage auftretenden Phänomene bestmöglich vorbereitet ist. Eines dieser Phänomen heisst Tachypsychia. Und wieder einmal spielt das Unbewusste eine entscheidende Rolle in der Überlebensfrage.

Tachypsychia

Tachypsychia ist ein neurologischer Zustand, der häufig unter extremem Stress auftritt und bei dem die Zeitwahrnehmung vorübergehend verändert ist. Die betroffene Person hat dabei das Gefühl, dass sich die Zeit verlängert und Abläufe somit sehr viel langsamer stattfinden. Menschen und Gegenstände scheinen sich in Zeitlupe zu bewegen.

So berichten z.B. Vergewaltigungsopfer häufig, dass Ihnen die Tat „unendlich lang“ vorkam.

Filmemacher setzen die Zeitlupen-Technik gern ein, um besonders kritische Momente darzustellen und dem Zuschauer den Tachypsychia-Effekt zu vermitteln.

Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein und der Betroffene wird im Nachhinein berichten, dass „alles rasend schnell ging“.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass Tachypsychia durch die hohe Ausschüttung von Adrenalin und Dopamin ausgelöst wird.

Diese körpereigenen Stoffe werden durch grosse Angst oder Wut freigesetzt und die sich daraus ergebenden Effekte machen durchaus Sinn:

  • Herzschlag und Blutdruck werden sofort drastisch erhöht. Die wichtigsten Muskeln und Organe werden bestmöglich durchblutet.
  • Das Lungenvolumen wird vergrössert, um mehr Sauerstoff aufnehmen zu können.
  • Der Blutzuckerspiegel wird erhöht, um zusätzliche Energie bereitzustellen.
  • Die Pupillen werden erweitert, um mehr Licht einzulassen und besser sehen zu können.
  • Die körperliche Schmerztoleranz wird extrem stark erhöht.
  • Feinmotorik, Farbsehen und Kommunikationsfähigkeit werden eingeschränkt.
  • Verstärkte Wahrnehmungsfilter werden aktiviert. Dies führt zur Ausblendung sensitiver, akustischer und optischer Reize. Hierdurch entsteht eine Fokussierung auf bestimmte Informationen.

Allerdings können sich durch Tachypsychia auch nachteiligige Effekte einstellen wie die Einschränkung der peripheren Wahrnehmung (auch als sog. Tunnelblick bzw. Tunnelgehöhr bekannt) oder der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses.

Ein Opfer beschreibt es so:

„Ich wusste überhaupt nicht mehr, was um mich herum war. Ich konnte erkennen, was vor mir war und zwischen IHM und mir. Ich sah, dass ER eine Pistole in der Hand hatte und kann mich genau daran erinnern, wie diese aussah. Aber ansonsten kann ich überhaupt nichts zum Sachverhalt sagen. Es hätte ein Blitz neben uns einschlagen können und ich hätte es vermutlich nicht einmal bemerkt.“

Willkommen im Überlebens-Modus

Alles in allem besteht also eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass im Falle einer lebensbedrohlichen Lage deine zeitliche und räumliche Wahrnehmung eingeschränkt, bzw. verzerrt ist.

Es ist fast so, also ob das Leben an dir vorbei läuft, aber du unsichtbar wärst. Möglicherweise nimmst du dabei gewöhnliche Dinge ganz ungewohnt wahr, wie deine Atmung, deinen Herzschlag oder das Geräusch einer Schweissperle, die von deiner Stirn auf den Boden fällt.

Es kann passieren, dass deine Fähigkeit, „normal“ zu denken, eingeschränkt ist und dass du auf der bewussten Ebene nicht genau „weisst“, was zu tun ist. Dein Unbewusstes will dich hier nicht mit zu vielen Gedankenspielen belasten. Es will, dass du handelst um zu überleben. Sofort.

Möglicherweise fühlst du dich gelähmt und ohne Kontrolle über dich selbst. Aber genau das Gegenteil ist der Fall.

Du bist im Full Control Modus. Du befindest sich jetzt lediglich in einem anderen Bewusstseinszustand.

Jener Zustand, in dem du dein Leben selbst in die Hand nehmen musst, um mit allem, was dir zur Verfügung steht, daran festzuhalten. Am Leben festzuhalten.

Du bist jetzt im Überlebens-Modus!

Dieser Zustand ist auch als Fight-or-Flight-Mode bekannt. Denn das ist es, was du jetzt mit aller Konsequenz tun musst: Kämpfen und/oder Flüchten.

Dein Unbewusstes weiss das und bietet dir in Sekundenschnelle seine Hilfe an. Nimm diese unbezahlbare Hilfe an.

Es ist die einzige Hilfe, auf die du dich jetzt wirklich verlassen kannst.

Checkpoints

  • Lasse dich von Tachypsychia nicht überraschen. Du weisst nun, dass dieser Zustand mit grosser Wahrscheinlichkeit eintreten wird.
  • Es ist ein positiver Zustand, der dir helfen will.
  • Dein Ziel ist es, diese Hilfe deines Unbewussten ohne Zögern anzunehmen und sofort in eine Kampf- oder Fluchtreaktion umzusetzen.
  • Richte dein taktisches Training darauf aus, schnellstmöglich in diesen Automatik-Modus zu gelangen und im Falle einer Bedrohung sofort zu reagieren.

See the bad things coming in time to change the outcome

Hier noch ein Video zum Thema in englischer Sprache: