Die beste Option

Die allererste Wahl zum Schutz des eigenen Lebens und der eigenen Gesundheit im Falle einer Gewaltlage ist die taktische Flucht. Wann immer es möglich ist, mache von dieser Option Gebrauch. Vermeide den Täterkontakt bzw. stelle schnellstmöglich die grösstmögliche Distanz zum Täter her.

„Schnellstmöglich“ und „grösstmöglich“ bedeutet dabei: Gib alles.

Flüchte unter Beachtung der taktischen Grundsätze (keine blinde Flucht ins Ungewisse) mit maximaler Entschlossenheit. Renne so schnell und so weit, wie du kannst. Springe über Zäune, Mauern, Autos und alles, was dir im Weg steht. Stosse Hindernisse zur Seite. Höre erst auf zu flüchten, wenn du sicher bist, dass der Abstand zum Täter so gross ist, das von ihm keine Gefahr mehr für dich ausgeht.

Die einzige Alternative

Ist eine Flucht nicht mehr möglich, oder kannst du den Ort nicht allein verlassen (weil z.B. deine Kinder noch dort sind), gibt es nur eine einzige Alternative für dich. Du musst kämpfen. Genau wie die Flucht muss dieses Kämpfen mit maximaler Entschlossenheit geschehen. Mache keine halben Sachen.

Du kannst es dir nicht leisten, dass der Täter seinen Plan auch nur eine Sekunde weiter verfolgen kann. Habe nicht die lebensgefährliche Idee eines wettkampfmässigen Schlagabtausches im Kopf.

Du musst den Täter überwältigen. Nimm diese Formulierung wörtlich. Der Täter muss von dem was und wie du es tust, überwältigt und nicht mehr in der Lage sein, seine Angriffe fortzusetzen.

Turn Over

Diesbezüglich gibt es in einer Gewaltlage einen bestimmten Punkt, den du schnellstmöglich erreichen must. Er wird als „Turn Over“ bezeichnet, was so viel wie „wenden“ oder „umdrehen“ bedeutet. Du wendest das Blatt also zu deinen Gunsten. Du erlangst die Kontrolle über die Lage zurück.

Insbesondere bei einem laufenden Angriff durch den Täter, hat dieser zunächst die Kontrolle an sich gerissen. Diesen Zustand musst du so schnell wie möglich beenden. Je länger der Täter die Kontrolle hat, desto grösser wird der Schaden sein, den du erleiden wirst.

Der Turn Over ist in dieser fortgeschrittenen Lage auch die Voraussetzung für eine nachfolgende taktische Flucht.

Maximale Combatives

Der einzige Weg für einen erfolgreichen Turn Over sind maximale Combatives, also Tritte und Schläge aller Art. Ich wiederhole: Es ist der einzige Weg. Es gibt keine Alternative. Du musst selbst massive Gewalt gegen den Täter zur Anwendung bringen. Nichts anderes wird ihn in dieser Phase der Gewaltlage stoppen.

Alle Combatives müssen stets mit maximal möglicher Intensität (Impact) ausgeführt werden. Ein Tapping (Anklopfen) wie z.B. beim sportlichen Boxen hat im Krav Maga keinen Platz.

Nur die massive körperliche Einwirkung auf den Täter führt zuverlässig dazu, dass seine Angriffshandlungen unterbrochen oder zumindest erheblich abgeschwächt werden. Aus diesem Grund sind regelmässig auch mehrfache, ununterbrochene Combatives deinerseits der Schlüssel zu einer erfolgreichen Verteidigung.

Natürlich musst du die akute Gefahr (z.B. das Würgen durch den Täter) mittels entsprechender Techniken beseitigen. Im Idealfall gleichzeitig oder spätestens unmittelbar danach startest du aber deine Combatives. Und diese setzt du fort bis zum zweifelsfrei gelungenen Turn Over.

Nicht kopflos

Genau wie die taktische Flucht ist die Ausführung von Combatives keine unkontrollierte Angelegenheit. Schlage und trete also nicht wild um dich, sondern konzentriere dich auf bestimmte Ziele und bearbeite diese mit maximalem Impact.

Am menschlichen Körper gibt es nur eine Handvoll Ziele, die für diese Zwecke geeignet sind. Neben den Genitalien kommt insbesondere der Kopf als Trefferfläche für deine Combatives in Frage.

Dafür gibt es mindestens 3 gute Gründe:

1. Der praktische Grund

Mehr als bei allen anderen Körperteilen des Täters weisst du in Bezug auf den Kopf immer recht gut, wo sich dieser gerade befindet. Zum einen findest du ihn immer oberhalb der Schultern am Ende des Halses. Zum anderen ist der Kopf des Täters im Falle eines Angriffs immer mehr oder weniger stark in deine Richtung orientiert.

Achtung allerdings: Ab dem Moment, in dem du physisch auf den Kopf des Täters einwirkst, ändert sich infolge deiner Combatives die Position des selben mehr oder weniger stark. Trainiere und berechne das mit ein (Bursting), damit  deine nachfolgenden Combatives nicht ins Leere gehen.

2. Der physische Grund

Der starke und ggf. mehrfache Impact verursacht körperlichen Schmerz beim Gegner. Dies kann je nach persönlichem Schmerzempfinden und anderer Umstände (z.B. Erregung, Rauschmittel) mehr oder weniger stark ausfallen. Zudem kann mit bestimmten Techniken (z.B. Stich in die Augen) die Organfunktion ganz oder teilweise ausser Kraft gesetzt werden, was dem Täter ein weiteres Vorgehen gegen dich unmöglich macht oder es zumindest erheblich erschwert.

So ist eine menschliche Nase ungefähr so stabil wie eine Scheibe Knäckebrot. Und wenn du schon mal daneben standest, wenn eine Nase bricht, dann weisst du, dass sich das auch ganz ähnlich anhört, wie wenn du eine Scheibe Knäckebrot abbrichst. Die gebrochene Nase bewirkt beim Täter allerdings regelmässig mehr oder weniger starken Schmerz, Blutfluss und Träneneinschuss in die Augen. In jedem Fall eine Phase der Desorientierung (s.u. „Filmriss). Zeit für deinen Turn Over. Du bist am Zug.

3. Der neurophysiologische Grund

Maximal ausgeführten Combatives zu den richtigen Zielen verursachen beim Täter eine Unterbrechung der neuronalen Abläufe. Der von ihm geplante und ggf. schon begonnene Ablauf seiner Aktion wird durch die externe physische Einwirkung abrupt unterbrochen (“Filmriss”).

Sein Nervensystem bzw. sein Gehirn benötigt jetzt erst eine gewisse Zeitspanne um die neue Situation zu erfassen und einen anderen Weg einzuschlagen. Diese Zeitspanne kann im Einzelfall nur ein Sekundenbruchteil sein. Dies bringt dir aber für deine weiteren Massnahmen den entscheidenden Vorteil. Setzt du deine Combatives fort (Multiple Attacks), wird der Täter zudem von der aktiven in die reaktive Rolle gebracht und er ist nun seinerseits erheblich im Nachteil.

Keine halben Sachen

Vor diesem Hintergrund sind selbst alle Defenses (z.B. 360° Defense) AKTIV auszuführen. Anstelle eine blossen Hinhaltens des verteidigenden Armes wird dieser wann immer es möglich ist, dynamisch gegen den Angriff geführt. Dies erzeugt bereits den ersten Impact beim Gegner. Es sorgt zudem dafür, dass der Angriff früher abgefangen wird und dadurch weniger Momentum aufbauen kann. Weiterhin dient die dynamische Ausführung der Defense dir zur aktiven Verbesserung deines Positionings (vergl. Bursting).

Im Falle eines Angriffs mit einem Messer oder einer anderen dynamisch geführten Waffe, führt der starke Impact durch deinen Combative regelmässig auch zur Veränderung der vom Täter angedachten Angriffslinie. Der erste (oder spätestens der zweite) Stich, Schnitt oder Schlag hat damit nicht mehr die vollständige beabsichtigte Wirkung bzw. verfehlt das vom Täter beabsichtigte Ziel.

Jeder einzelne Zentimeter kann dabei buchstäblich über Leben und Tod entscheiden.

Everybody has a plan. Till he gets a punch in his face.

(Mike Tyson)